Der längste Törn!

Nachdem die Lycka und die Barbaco in Ecuador noch einmal vier 20 l Dieselkanister auf Deck fest gezurrt bekamen, starteten die beiden Segelschiffe gleichzeitig zum längsten Törn ihrer Weltreise. Ca. 3.600 sm hatten wir vor dem Bug!

Der Pazifische (Stille) Ozean wurde von dem Seefahrer Magellan so genannt, weil er mit seinen Schiffen mehrfach in Flauten geraten war; wie wir leider auch!

Der Pazifik ist beeindruckend groß:

In Ost-West Richtung erstreckt er sich über 18.000 km und in Nord-Süd Richtung 15.000 km – alle Landflächen der Erde hätten in ihm Platz! Er hält auch den Weltrekord in „Wassertiefe“ – an der tiefsten Stelle misst er über 11.000 m!

Erst einmal musste der starke Humboldtstrom bei sehr schwachem Wind durchquert werden und so lief an den ersten Tagen fast ununterbrochen der Motor.

In der kräftigen fischreichen Strömung werden von den Peruanischen Fischern zahlreiche kilometerlange Netzte aufgespannt. Tagsüber sind sie überhaupt nicht zu sehen und nachts nur mit schwachen Lichtern gekennzeichnet. (Peru ist übrigens nach China die zweitgrößte Fischereination der Welt!)

Wir waren froh, dass die Barbaco einen langen Kiel hat der über das Ruder hinaus bis an das Heck reicht! So konnten wir uns zum Glück nicht in den Netzen verfangen. Ob wir überhaupt eines überfahren haben wissen wir allerdings nicht – vermutlich aber schon!

Nach 5 Tagen war es endlich geschafft. Der Humboldtstrom lag im Kielwasser und der Südäquatorialstrom nahm uns langsam mit auf dem langen Weg zu den Marquesas.

Unser Dieselvorrat, 360 l im Tank und 220 l in Kanistern, war allerdings schon stark dezimiert:

Wir hatten insgesamt nur noch 240 l Diesel aber noch 3.000 sm vor uns!

Der schwache Wind wurde zur totalen Flaute, sodaß die Barbaco mit ihrer Besatzung Denise und Klaus mit gestrichenen Segeln auf der Stelle trieb. Die Lycka war uns ca. 50 sm voraus, konnte der Flaute gerade noch entkommen und ihr Abstand zu uns wurde immer größer.

Von da an lief die Kommunikation mit Sybille und Dieter nur noch über eMail.

Auch mit einem anderen deutschen Segelschiff, der Vitania mit ihrer Besatzung Elke und Jochen, die von Panama zu den Marquesas unterwegs waren, hatten wir fast täglich Mailkontakt.

Die Tage verliefen entspannt. Durch den Amateurfunkwetterbericht wussten wir, dass nach fünf Tagen der normale Passatwind SE 4 einsetzten wird.

Für eine schnelle Reise kratzte Klaus noch einmal den Rumpf der Barbaco von Bewuchs frei. Eine spannende Arbeit bei 4.000 m Wassertiefe und ca. 1.000 km vom Land entfernt. Denise hielt dabei wachsam nach Haien Auschau!

Später erfuhren wir, dass im Pazifik der alles fresssende und immer hungrige Bullenhai? weit verbreitet ist. Noch mal Glück gehabt!!!

Im Laufe der Zeit bekamen wir mehrfach Besuch:

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Auch das einzige Schiff unserer bisherigen Reise, außer der Lycka, bekamen wir hier zu sehen. Am Horizont zog die „Falco“ vorbei und sie ließ ihren Hubschrauber neugierig über uns kreisen.

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Nach fünf faulen Tagen meldete sich der erwartete Passatwind mit einem Sturmtag an. Wir setzten das einfach gereffte Groß und die Rollgenua und es ging endlich weiter in Richtung Westen.

Von jetzt an werteten wir die täglich über den Amateurfunk empfangenen Seewettervorhersage aus um einen günstigen Kurs mit stabilem Wind, Sonne und wenig Squalls (= in den Passatwind eingelagerte kleine Tiefdruckgebiete mit Regen und kräftigen Windböen) wählen zu können.

Wir entschieden uns zu einem SW Kurs um den 15. Breitengrad Süd anzusteuern.

Den Umweg von zwei bis drei Breitengraden wollten wir für angenehme Segeltage und -Nächte gerne in Kauf nehmen. Wie groß der Umweg war, zeigte sich dann am Ende der Reise.

Am 15. Tag, bei Sonnenaufgang und kräftigem Wind, gab es an Deck plötzlich ein lautes metallisches Geräusch. Der Schreck war groß! Defekte an wichtigen Teilen kann man bei über 2.800 sm bis zum Ziel und ohne die Möglichkeit umzudrehen nicht brauchen!

„Zum Glück“ war nur eine Befestigungsbohrung des Radarreflektors ausgerissen und der Reflektor schlug dadurch heftig an Mast und Groß.

Das konnte nicht so bleiben – also musste der Skipper bei Wind und Welle in den Mast aufentern!!!

Leider schlugen nach ein paar Tagen alle Versuche fehl mit der Windfahnensteuerung die Barbaco bei wechselnder Windstärke sicher auf Kurs zu halten. Eine Ursache war der Bewuchs am Servoruder. Innerhalb einer Woche waren diese Tierchen gewachsen!

Die zweite Ursache war die falsche Segelführung. Bei zwei Meter hohen Wellen und immer wieder Böen in den Squalls war sie unter Schmetterlingbesegelung nicht genau genug trimmbar.

Schließlich fanden wir die für den Törn optimale Passatbesegelung: An Backbord die leicht gereffte Rollgenua und an Steuerbord die über den Großbaum ausgebaumte Arbeitsfock. Mit dieser Besegelung lag unser Etmal oft zwischen 100 und 120 sm, wir brauchten auch in Böen nur selten eingreifen und konnten entspannt die Nächte durchschlafen.

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Ein alter Bekannter war auch mit an Bord! Erstmalig in Cartagena / Kolumbien hat Klaus diesen kleinen Gecko(?) an Bord gesehen. Leider ist er seitdem kaum gewachsen! Vielleicht weil wir keine Kakerlaken an Bord haben?

Ca. 2.000 sm vor dem Ziel meldete sich Alan, der Betreiber der Amateurfunk Remotestation KB2WF aus den USA per Mail bei uns.

Er freute sich, dass wir seine Station täglich nutzen um Mails zu senden und aktuelle Wetterberichte abzurufen und informierte uns, dass ca. 600 sm voraus die schweizer Segelyacht „SHE SAN“ auch auf dem Weg zu den Marquesas ist. So lernt man mitten auf dem Pazifik andere Segler kennen. 🙂

Am 1. April, dem 26. Tag auf See, lagen 1.800 sm im Kielwasser = die Hälfte?! 🙂

Zur Feier des Tages gab es unser erstes selbst gebackenes Brot und eine Flasche Rotwein zum Sonnenuntergang.

Zum täglichen Inspektionsrundgang auf dem Deck der Barbaco gehörte neben der Sichtkontrolle des Riggs auch die „Fliegenden Fische“ zu entfernen. Das Maximum lag bei 40, zum Teil sehr kleinen, Fischchen!

Ein kleiner Tintenfisch hat sich leider auch an Bord verirrt und im Todeskampf seine Tinte verspritzt und damit sein Andenken vermutlich für immer auf einem Segelsack hinterlassen.

Unsere eigenen Angelbemühungen waren leider ziemlich erfolglos. Entweder waren die Fische zu mager oder schon angefressen wie dieser Konger!

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Am Tag 34 der Seereise passierte es dann:

Um 0200 Uhr Bordzeit wurde der Skipper von einem knallenden Geräusch und dem laut pfeifenden Wind geweckt! In einer heftigen Windböe war die Rollgenua back geschlagen und zwei lange Nähte waren aufgerissen. Der Schaden war leider so groß, dass er mit Bordmitteln nicht zu beheben war!

Also wurde die defekte Genua gegen ein kleineres Vorsegel getauscht. Um die Barbaco wenigsten halbwegs gut trimmen zu können musste das Groß zweifach gerefft werden. Das drückt zwar die Etmale, aber die Windfahnensteuerung konnte die Barabaco wenigstens halbwegs sicher steuern.

So ein Segelverlust durfte uns, noch mehr als 1000 sm vor dem Ziel, nicht oft passieren! Deshalb gingen wir ab jetzt rund um die Uhr Wache. Zum Glück waren wir zu zweit!

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Ein 60. Geburtstag ist ein besonderer Tag – an Bord der Barbaco und mitten auf dem Pazifik ist auch die Location für den Skipper passend! 🙂 🙂

Als Festessen gab es Gulasch, Kartoffelpüree und Spargel – selbstverständlich alles aus der Dose – dazu einen guten spanischen Rotwein.

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Tag 39 auf See, nur noch 660 sm bis Hiva Oa! Und fast kein Wind mehr!

So kurz vor dem Ziel, in einer Woche hätten wir dort sein können, gerieten wir noch ein mal in eine Flaute. Die Segel schlugen unaufhörlich!

Wir ändern den Kurs auf NW. So segeln wir zwar nicht genau auf unser Ziel zu, hatten aber den sehr schwachen Wind quer ab und machten immerhin noch 1 kn Fahrt.

Bald schlief der Wind aber ganz ein und wir lagen 480 sm vor unserem Ziel zwei Tage in einer Flaute! So ein Mist!!!

Die Zeit nutzte Klaus um noch einmal den Bewuchs vom Rumpf zu kratzen.

Eigentlich dachten wir erst seit ein paar Tagen an das Ankommen in Hiva Oa.

Bisher lebten wir auf der Barbaco als unserem Zuhause ohne an das Ende des Törns zu denken.

Es hatte sich eine entspannte Bordroutine eingestellt und die Tage flossen so dahin. Meißt schien die Sonne und der Passatwind wehte gleichmäßig. Aber seit die Lycka schon angekommen war und wir es auch nicht mehr weit hatten, wollten wir auch voran kommen und ärgerten uns über die neuerliche Verzögerung!

Tag 46, der Passat war wieder da und die Barbaco kam mit ca. 5 kn gut voran. Bei ca. 4 Bft funktioniert die Windfahnensteuerung perfekt und das Schiff hält selbstständig und geräuschlos seinen Kurs.

Doch plötzlich ging ein heftiger Ruck, begleitet durch einen lauten Knall, durch das Schiff! Was war fünf Tage vor dem Ende der Reise passiert?

Das Heck der Barbaco war durch eine große Welle versetzt worden und das Groß schlug mit einem lauten Knall von Backbord nach Steuerbord!! Das war eine Patenthalse!

Wie konnte das trotz Bullenstander, der genau das verhindern soll, passieren?

Das Bullenstanderseil war nicht gerissen. Erst vor ein paar Tagen hatte Klaus das alte arg mitgenommene Seil durch ein neues ersetzt!?

Das Befestigungsauge am Baum war abgerissen!! Zum Glück war gerade kein Kopf in der Nähe des Baumes gewesen – durch Patenthalsen hat es schon Tote gegeben!

An diesem Tag riss das Pech nicht ab! 20 Minuten nach Durchzug eines Squalls in der Ferne, wir bereiteten gerade unseren Sundowner auf dem Vorschiff vor, kam eine sehr heftge kurze Böe! Sie hatte sich durch absolut nichts angekündigt! Nach einer Minute sehr heftigem Sturm hatte leider auch die zweite (Reserve-) Genua einen Riss! Also musste sie wieder durch die Arbeitsfock ersetzt werden. Das wesentlich kleinere Segel verträgt viel Wind und wir nutzten es durchgehend an den letzten Tagen bis zum Ziel.

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Nach 50 Tagen auf See und 3.850 Seemeilen war für Denise und Klaus ein einmaliges Abenteuer zu Ende gegangen! Obwohl wir uns erst kurz vor dem langen Törn kennen gelernt hatten, war es eine harmonische Zeit an Bord der Barbaco.

Durch unsere Entscheidung entlang des 15. Breitengrades zu segeln hatten wir einen Umweg von 250 Seemeilen gemacht. Ob es sich gelohnt hat, ist schwer zu sagen – sicherlich hatten wir aber besseres Wetter und stabileren Wind als auf dem direkten Weg entlang des 10. Breitengades und wir haben die Tage auf See genossen.

Die Barbaco ankert jetzt ziemlich unbeschadet vor der grünen Kulisse in der Taa Huku Bay auf Hiva Oa / Französisch Polynesien.

Und ihre Besatzung freut sich auf Ferkel aus dem Erdofen mit frischem Baguette und französischem Bier statt Bohnen aus der Dose!

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4 Antworten zu Der längste Törn!

  1. Günther schreibt:

    Hi Klaus, endlich Nachricht von euch.
    Lass es dir auch im neuen Jahrzehnt gut gehen!
    Gruß, Günther

  2. Franz Josef Bienefeld schreibt:

    Hallo Ihr beiden , danke für diesen Bericht ich habe oft an Euch gedacht. Weiterhin alles Gute und immer eine handvoll Wasser unterm Kiel.
    LG Franz-Josef Bienefeld
    Kollege von Martina

  3. Barbara, the desk-sailor schreibt:

    Hi, Ihr Südseeinsulaner,
    nachdem wir haben die Barbaco per Shiptracking auf ihrer bisher längsten Reise immer wieder geortet haben, könnten bei Euch an Land jetzt doch die Champagnerkorken knallen.
    Und zu feiern gibt es ja genug!
    Für das neue Lebensjahr wünschen wir dem Käpt’n jedenfalls neben einer eisernen Gesundheit allzeit nur die alleridealsten Segelbedingungen und nur gaanz langsam wachsende Muschelsorten zum Beispiel am Servo-Ruder.
    Dazu natürlich eine wunderbare Zeit auf den Marquesas mit seinen beiden prominenten Dauergästen Paul Gauguin und Jacques Brel.
    Für sie waren diese Inseln die schönsten Plätze der Welt – so weit sie eben vorher rumgekommen waren … Es ist ja alles relativ.
    Auf Eure ersten Berichte vom Landgang sind wir nach der langen Pause jedenfalls schon ziemlich gespannt.
    Wird der Gecko jetzt ein Marquesianer?
    Und jetzt ab damit rund um den halben Globus!
    Amitiés
    B&B

  4. norbert200 schreibt:

    Hi Klaus endlich positive Nachrichten vom anderen Ende der Welt. Ich bin froh, dass ihr angekommen seit. Jetzt ruht euch aus und macht einen Faulen, verdient habt ihr das allemal.

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